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Transcript E. M. Stockenbeck

Erzählerin: Es ist erst Anfang Juni 1784, doch die Sonne brennt an diesem Tag ungewöhnlich stark auf die Lübecker Straße. Es herrscht geschäftiges Treiben, und kaum jemand bemerkt die schlanke Statur eines jungen Mannes, der aus dem Schatten des Lübschen Tores tritt und in das Sonnenlicht blinzelt. Es ist eine belebte Straße, die sich vor ihm ausbreitet, rechterhand gesäumt vom Armenhaus und einer kleinen Kapelle. Eingekleidet in traditionelle Kluft und ausgestattet mit einem Wanderstock und einem bedruckten Tuch, in das sein Hab und Gut einwickelt ist, erkennt man sofort seine Profession: Es ist ein Handwerker auf Wanderschaft, der sogenannten Walz. Niemand schaut ihm direkt ins Gesicht, als er den schwarzen Hut mit breiter Krempe abnimmt, um sich ein Bild von Eutin zu machen. Er hat gelocktes, schwarzes Haar, ein feines Kinn, strenge, dichte Augenbrauen und trägt adrette Kleidung. Doch auch wenn man einen näheren Blick riskieren würde, um den jungen Handwerker zu mustern, würde einem kaum etwas Unregelmäßiges auffallen. Selbst seine mitreisenden Handwerkskollegen, in deren Gesellschaft er wandert, arbeitet, schläft, sich prügelt und abends betrinkt, kennen das Geheimnis nicht, dass dieser junge Schneidergeselle seit Jahren im Gepäck hat. Denn: es handelt sich bei diesem Reisenden tatsächlich um eine 25-jährige Frau aus Kopenhagen, die in Männerkleidern reist und eigentlich Engelbrecht Maria Stockenbeck heißt. Sie hat ihre außergewöhnliche Geschichte aufgeschrieben.

Engelbrecht: Es ist so wahnsinnig heiß. Inkognito zu reisen ist im Sommer besonders lästig. Der viele Stoff, der meinen Körper männlicher erscheinen lässt, gibt jetzt viel zu warm. Unter meiner Tracht habe ich ein großes Stück Stoff um meinen Körper geschlungen, habe meine Unterhose ausgestopft, und außerdem noch lange Hemden angezogen, die bis an die Füße reichen.

Nun ist es bereits so lange her, seitdem ich diesen Mann geschaffen habe, den ich im Spiegel sehe: Gottfried Jacob Eichstädt. Damals legte ich meine Frauenkleider ab und erhielt dafür meine Freiheit. Die Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will. Ich tat es vor allem wegen meinem Ehemann; um endlich diesen Trunkenbold hinter mir zu lassen; um mein Leben selbst zu bestimmen. Ich möchte diese Freiheit nicht mehr missen, diese Möglichkeiten. Jeder Tag liegt in meiner Hand. Ich gehe hinaus in die Welt, suche nach Arbeit, und kann mich stets auf die Kameradschaft der Handwerker verlassen, die ich in jeder Stadt finde und mit denen ich reise. Natürlich muss ich auch Rückschläge erdulden – irgendwie neige ich dazu, mir Rivalen zu machen, und habe deshalb oft Schlägereien. Auch musste ich das ein oder andere Mal schon eine Liebe aufgeben. Gerade eine Frau hatte es mir besonders angetan – die Witwe eines Schneidermeisters, die mich heiraten wollte. Da hatte ich mir schon gewünscht, ein Mann zu sein. Bevor es zum äußersten hätte kommen können, musste ich deshalb diesen so angenehmen Ort verlassen.

Jetzt, da ich so viel unterwegs war, in Deutschland, Holland, Böhmen, Polen, … ja sogar in Spanien, als ich mich kurzzeitig als Matrose verdingte, zieht es mich nach Kopenhagen zurück. Dies ist meine Heimat, und ich möchte mich dort als Schneider niederlassen. Zu lange habe ich die Wahrheit verdrängt, ohne einzusehen, dass sie mich auch begleitet.

Es gibt keinen Grund, weshalb Frauen die Möglichkeit der Arbeit, des freien Lebens, versagt wird. Ich selbst bin das Beispiel dafür, dass Frauen zu viel mehr in der Lage sind, als Haushalte zu führen und Kinder großzuziehen. Ich bin diesen Weg gegangen. Die Strapazen, für deren Überwindung ja anscheinend Männlichkeit vonnöten ist, habe ich genommen wie jeder meiner Wanderbrüder auch.

Erzählerin: Wenn man einmal von ihrer ungewöhnlichen Geschichte absieht, ist auch Engelbrecht nur eine von unzähligen reisenden Handwerkern, die auf Wanderschaft gehen um das eigene Handwerk zu verbessern und nebenbei an Lebenserfahrung zu gewinnen. Obwohl sie Nomaden sind und nie wirklich lange an einem Ort bleiben, sind sie Teil des Gefüges einer Stadt wie Eutin. Um die Stadt zu betreten kamen sie durch das Lübecker Tor, auch Lübsches Tor genannt, eines der zwei Stadttore von Eutin. Es stand genau hier – auf Höhe der heutigen Einmündung des Dr.-Wittern-Gang in die Lübecker Straße.

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